Man darf einfach nicht vergessen, dass ein Marathon eine hammerharte Angelegenheit ist! Zumindest dann, wenn man alles rausquetscht. Damit aber auch die Zeit meines Marathondebüts um knapp eine Stunde verbessert: 3:12h (neue pers. Bestzeit)

Der Wettkampf

Da stand ich nun. Die Hose Blase voll mit allerlei Kohlenhydrat-Gesöff. Zusammen mit 40.000 anderen Teilnehmern wartete ich auf den Startschuss. Der Duft von Voltaren, Arnika-Salbe, Minzöl und Angstschweiß liegt in der Luft. Verzweifelt werden GPS-Uhren in die Luft gehalten um ein Signal zu erhaschen. Stoppuhren piepsen, Schnürsenkel werden zum xten Mal kontrolliert und gebunden. Kaum jemand sagt etwas. Man hampelt eifrig ein Notfall-Läufer-ABC runter, das Klatschen von flachen Händen auf die Oberschenkel klingt durch den Block, unbeholfene Dehnversuche neben mir, ruppiges Vordrängeln oder einfach nur apathischer Stillstand. Neben mir steht ein Japaner der noch schnell so etwas wie ein Gebet veranstaltet. Sieht schwer beeindruckend nach Kampfkunst aus und spätestens da wird mir offensichtlich, dass 70% der Teilnehmer nicht aus Deutschland stammen. Alle hochkonzentriert und ich frage mich, ob all die anderen sich wohl auch gerade überlegen nochmal pinkeln zu gehen oder nicht. Die Ballons der Pacemaker für 3:15 stehen gefährlich weit weg aber ich will mich nicht auch noch rücksichtslos nach vorne drängeln. “Die hol ich schon ein”, denk ich mir. “Geh ich noch pinkeln? Ne, zu stressig jetzt nochmal raus aus dem Block. Ich lasse das lieber” (Notiz an mich selbst: Geh vor dem Start so oft pinkeln wie möglich!).

Morgens gegen 8:00 am Brandenburger Tor

Mehr brauch man nicht: Trikot, Hose, Startnummer, Pflaster, Vaseline, Socken, Schuhe, Trinkflasche und los geht’s.

Der Startschuss fällt und die Horde trippelt langsam los. Bis ich über die Startlinie bin vergehen knapp 2 Minuten. Eigentlich kein Problem, wenn nicht die Pacemaker sich immer weiter entfernen würden. Ich nutze jede Gelegenheit irgendwie Boden gut zumachen. “Jetzt schnell zu Pacemaker aufschließen, kleben bleiben, Kopf ausschalten”. Meine Uhr zeigt mir  einen 4:10er Schnitt für die ersten beiden Kilometer. Viel zu schnell aber die Pacemaker waren immer noch zu weit weg. Nach 4-5 km war ich endlich dran. “So jetzt erstmal ausruhen” aber scheiße die Typen geben Gas. Hansi, Trainerlegende aus Gütersloh, hatte mich davor gewarnt. “Kontrollier das Tempo selbst, die Pacemaker sind oft zu schnell”. Tja richtig, aber was ich mache ich nun? Ich bin dann einfach mitgelaufen. Nützt ja nix.

Halbe Distanz

In Berlin ist die Strecke so voll mit Zuschauern, dass man wirklich nach einem Pinkel-Platz Ausschau halten muss. Irgendwann war dann endlich mal ein Busch frei und ich konnte mich “erleichtern” im wahrsten Sinne des Wortes. Die Pacemaker aber immer im Auge. Diese beiden Dreckskerle rannten einfach weiter und jede Sekunde, die ich beim Pinkeln verliere werde ich irgendwie aufholen müssen.  Kurz vor der Halbmarathon-Marke hatte ich die Truppe wieder eingeholt und fühlte mich echt noch frisch, dachte das Tempo könnte ich weiter gehen. Zur der Zeit hatte ich um die 4:20 auf dem Tacho. Der Halbmarathon war mit knapp 1:35h geschafft. “Juhuuu, neue Bestzeit für den Halbmarathon”, freute ich mir in den Bau. So beflügelt ließ ich die Pacemaker immer weiter hinter mir. Vielleicht hatte ich ja 3:10h auf dem Schlappen? Reinhauen, weitermachen! Tja… schon nach 7 oder 8 Kilometern waren diese Dreckshunde wieder an mir dran. Alles, was ich mühsam rausgelaufen hatte, war verloren. “Soooo eine Scheiße!!!” Aber gut, wie gesagt, nützt ja nix. Ich wollte mindestens die 3:15 schaffen und nicht beim Versuch 3:10 rauszuquetschen wie Ikarus enden. Also blieb mir nichts anderes übrig als dranzubleiben.

Irgendwann ab 35km fängt der Marathon an

Premium-Support-Crew. Danke Leute!

Wenn man sich mit erfahrenen Marathonläufern unterhält, dann hört man oft den Spruch “ein Marathon fängt erst ab Kilometer X an”. X drückt dabei die Härte des Gesprächspartners aus. Weicheier ersetzten X durch 25, knallharte Vogelscheuchen orientieren sich bei 37km. Aber was heißt das?

Es ist tatsächlich so, dass man bis z.b. Kilometer 35 halbwegs locker durchkommt. Man hat ja schließlich wie ein Bekloppter dieses Distanzen trainiert. Dann wird es irgendwann zäh. Bei mir zuckten die Oberschenkel, die Waden wurden hart und ich musste mich mehr und mehr überwinden das Tempo zu halten. Ein kleiner Drahtseilakt zwischen “schnell genug” und “keinen Krampf riskieren”.

Völlig surreal ist die Distanz, die du abspulst. Plötzlich hast Du über 30 Kilometer hinter Dir und hast davon nix mitbekommen. Ich hab den Kopf wohl so ausgeschaltet, dass ich mein Zeitgefühl verliere. Natürlich bekomme ich alles mit und denke auch viel nach – über Trinken, Pinkeln, Tempo, Zeit usw. – aber nach 2 Stunden laufen habe ich trotzdem das Gefühl, es wäre erst ein paar Minuten vergangen. Ab Kilometer 37 feierte ich jeden Kilometer als ob es der letzte wäre. Meine GPS-Uhr war dabei sehr gnädig zu mir und kündigte den nächsten Kilometer immer schon 500m vorher als abgeschlossen an. Da kann man sich gleich zweimal freuen. Einmal über das Piepen der Uhr und über das Schild am Streckenrand.

Die letzten beiden Kilometer

Jetzt war der Ofen echt aus. Ich konnte die 4:30 nicht mehr halten. Die Pacemaker musste ich ziehen lassen. Psychologisch ein echt beschissener Moment. Das Abreißen lassen ist wie eine kleine Niederlage. Beim Radfahren versuchst du auch die Lücke “dicht” zumachen, damit du im Windschatten bleibst. Beim Laufen hängt man sich dran um dranzubleiben. Den Kopf ausschalten, einfach hinterherlaufen. In dem Moment, wo ich meinen Vordermann ziehen lasse oder ziehen lassen muss, fällt es mir umso schwerer das Tempo zu halten. Das ist dann “Kopfsache” und schließlich entscheidet sich so ein Lauf am Ende nicht nur in den Beinen.

“Lauf weiter, die Schmerzen sind nur Einbildung”

Großartiger Spruch und eine großartige Geschichte. Vier andere Marathonis aus Gütersloh erzählten mir auf der Busreise die Geschichte von einer Trainingseinheit. Brutale 30km+ mit Endbeschleunigung nach Greif dem Schinder. Ein Läufer hat Schwierigkeiten das Tempo mitzugehen, klagt über Schmerzen im Oberschenkel. Die anderen sollten ohne ihn weiterlaufen. Daraufhin pfeift ihn einer seiner Trainingskollegen mit “Lauf weiter, die Schmerzen sind nur Einbildung” an und wie durch ein kleines Wunder: “jau, hast recht, jetzt geht’s schon wieder” und läuft weiter.

Die vier Greif-Jünger aus GT. Alle sehr erfolgreich im Ziel!

Alles raushauen!

Ich kämpfte und kämpfte, aber mehr als 4:50 waren nicht mehr drin. Das Brandenburger Tor kam in Sicht, danach nur noch ein paar hundert Meter. Ich wusste, dass das definitiv eine neue Bestzeit wird und das ich meine eigene Vorgabe von 3:15 ebenfalls unterbieten kann und versuchte nochmal Gas zu geben. Oh verdammt, ein ein Lächeln für das Foto muss auch noch drinsein.

Da rennst Du die letzten Meter zum Ziel und was macht der Moderator? Er bittet die Zuschauer um Ruhe, um Ruhe!!! Spinnt der, höre ich nicht richtig? Aber es wird tatsächlich still…. “So klingt es im Training….” kommt aus dem Lautsprecher,”So klingt es im Training….” Haha! Witzige Idee, ok! Irgendwie muss der seine Zuschauer ja bei der Stange halten aber bitte nicht, wenn ich Motivation für die letzten 100 Meter brauche! “So klingt’s in Berlin” brüllt es plötzlich durch die Lautsprecher und die Meute brüllt, jubelt, trötet und klatscht. Großartige Kulisse ein wahnsinns Zieleinlauf.

Ich gucke auf die Uhr und sehe irgendwas um 3:12 und hab Schwierigkeiten mich auf den Beinen zu halten. Eine nette Damen sprecht mich an: “alles in Ordnung?”. Ok, dann sehe ich wenigstens auch so aus, wie ich mich fühle, dachte ich mir. Mit dem guten Gefühl alles, wirklich alles rausgequetscht zu haben, torkel ich zu den Massage-Liegen und mir wird mal wieder klar, was mich an diesem Sport so fasziniert. Ganz einfach:

Nur die Strecke, die Uhr und deine Beine.

Ach Mist, wann sage ich wohl mal “jetzt reicht’s mal”?

Wen’s interessiert: Die Marathon-Vorbereitung

8 Wochen habe ich mich auf diesen einen Tag vorbereitet. Eigentlich nur 4, weil ich vorher noch mit Triathlon beschäftigt war und mein Lauftraining “irgendwie auch” unterbringen musste. So kam ich auf vergleichsweise geringe Kilometerumfänge. Hier mal schnell eine Übersicht, Gesamtkilometer nach Wochen:

  1. 68km
  2. 64km
  3. 76km
  4. 36km (Ironman 70.3 in Zell am See)
  5. 66km (Regeneration nach Wettkampf)
  6. 27km (langer Lauf ersetzt durch 140km Rad)
  7. 67km
  8. 63km (Berlin Marathon)

Im Schnitt also auf 58km pro Woche. Warum erzähl ich Dir das? Nun ja, ich bin nicht alleine nach Berlin gereist sondern im Bus mit einer kleinen Gruppen anderer verrückter Marathonläufer. Die Gesprächsthemen im Bus drehten sich natürlich fast ausschließlich um Zielzeiten, Trainingsphilosophien und eben abgespulte Trainingskilometer. Ein Läufer, der die brutale Ansage von 2:50h gemacht hat, konnte sogar stolze 951km vorweisen und fühlte sich “ganz gut vorbereitet”.  Meine 4 Buddies aus Gütersloh lagen ebenfalls alle deutlich über 80km pro Woche. Trainiert wurde “nach Greif”. Peter Greif gilt als Schinder unter den Marathontrainern und sein sagenumwobener Trainingsplan “Count Down zur Bestzeit” ist weithin bekannt als der härteste und gefährlichste Trainingsplan für den Marathon. Unter 100km pro Woche gilt bei Peter Greif praktisch als “Notfallplan”. Das wusste ich natürlich und ich hatte mich auch bewusst gegen “Greif” entschieden. Mein Plan war meiner Ansicht nach cleverer, weil ich nicht nur ohne Ende Kilometer abspulen wollte, sondern qualitativ hochwertige Einheiten absolvieren wollte. D.h. gute Regeneration, entweder hohe Intensitäten oder hohe Umfänge und unterstützendes Kraft-, Koordinations und Stabilisationstraining. Das ist natürlich nur eine doofe Ausrede für fehlende Trainingsdisziplin und das weiß ich auch 🙂

So wuchsen dann zwei Tage vorm Marathon kleine Zweifel. Hatte ich genug trainiert um mein Zeil auch erreichen zu können? Hätte ich den Triathlon lieber zugunsten einer optimalen Marathonvorbereitung sausen lassen sollen?

Jetzt mag der geneigte Leser vielleicht denken, dass jemand der einen halben Ironman hinter sich hat, dann locker einen Marathon macht. Pustekuchen! Die Distanz stellt zwar keine Herausforderung da, das Tempo hingegen schon. Im Training ist vor allem Konstanz entscheidend. Spezifizität hingegen auch. Soll meinen: Ein Weltklasseschwimmer hat vielleicht eine hervorragende Fitness, super Kraft und eine tolle Ausdauer. Ein guter Läufer ist der deshalb aber noch lange nicht. Beim Radfahren ist das ähnlich. Du kannst tonnenweise Reifengummi abfahren und dabei eine wahnsinns Ausdauer entwickeln. Das ist noch lange keine Garantie für eine wahnsinns Ausdauer in Laufschuhen und erst recht kein gutes Tempo.

In den letzten Wochen war ich aber fleißig auf der Bahn. Hansi dachte sich jedes Mal ein neues Folterprogramm für uns aus und ohne meine Trainingskollegen wäre ich so manchen Intervall nicht mehr so schnell gelaufen. Vielen Dank fürs Quälen, Jungs!

Am Sonntag vorher war ich noch in Druffel um nochmal “einen rauszuhauen” und für die letzten Tage gab es noch einen Spezial-Plan von Hansi.

Da stand ich nun aber was blieb mir übrig als mich einfach an meine bisherigen Prinzipien zurückzuerinnern: Das wird schon und am Ende hat’s ja geklappt. 🙂

Kilometer sind eben nicht alles aber trotzdem bekomme ich den Kommentar von Andreas nicht aus dem Kopf: “Was schnell, wärst Du wohl gelaufen, wenn Du mal ordentlich trainiert hättest?”

Fotos!!!

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Das Olympiastadion am Samstag nach dem Frühstückslauf.

Irgendwo da hinten ist das Ziel vom Berlin Marathon…