Vorweg: 2:59h war mein Traum, 3:06h sind’s geworden. 5 Tage später geht’s mir wieder ganz gut.

In dieser ganzen Marathon-Triathlon-Ausdauersport-Klamotte musst du dir irgendwann über den Kern deiner Motivation im klaren sein, ansonsten stehst du früher oder später vor einer unüberwindbaren Sinnfrage.
Spätestens bei mehr als 15 Trainingsstunden pro Wochen in meiner Ironmanvorbereitung fragt man sich, warum man sich diesen Stress eigentlich antut. Spaß macht das letzte Intervall nämlich nicht immer. Nach langen Sitzungen unter der Dusche oder auf dem Klo bin ich dann zum Pudels Kern vorgedrungen. Mir persönlich geht es um das Auslosten meiner persönlichen Grenzen und nicht zuletzt wohl auch um die Verarbeitung eines frühkindlichen Komplexes bei Mannschaftswahlen in Schulsport und Co. oft zu den letzten gehört zu haben.

Es hat das halbe Medizinstudium eines meiner besten Freunde gedauert, bis er mir glaubhaft vermitteln konnte, dass ein Spargeltarzan wie ich die optimalen Voraussetzungen für den Ausdauersport hat. Diese Information hat mich bis zum Ironman und einigen Marathons geführt, bei denen ich mehr oder weniger erfolgreich abgeschnitten habe. Dafür kann ich mich beim zukünftigen Chefarzt der Charité 😉 nur immer wieder herzlich bedanken.

Der Marathon ist vielleicht der ehrlichste Ausdauerwettkampf, weil du im Gegensatz zum Triathlon dir keinen Vorteil erkaufen kannst. Kein Laufrad, kein Reifen, kein Helm, kein Neoprenanzug oder eine aerodynamische Trinkflasche helfen dir ein paar Sekunden zu sparen. Manche glauben zwar, dass dich Schuhe auch schneller machen können aber die bekommt man nur in einem ganz besonderen Spezialgeschäft in Gütersloh. Support your local dealer!

Den Marathon macht man mit sich alleine aus. Da gibt es keine Abkürzungen. Das mag vielleicht etwas pathetisch klingen aber: #isso.

Heute sitze ich hier wie ein Faultier im letzten Überlebenskampf. Einen Tag später schmerzen meine Beine wie noch nie und selbst meine Finger zittern noch vor Unterzuckerung. Ich weiß jetzt, wie sich das Gefühl des inneren Kampfes anfühlt, dass ich eigentlich auf den letzten Kilometern des Ironmans erwartet hatte. Was ist passiert?

Vorweg muss ich noch schicken, dass ich mal darauf hingewiesen wurde, doch auch mal von erfolgreichen Rennen zu berichten und nicht immer über diese Quälereien zu schreiben. Tatsächlich finde ich die Wettkämpfe die glatt gelaufen sind aber total langweilig und selbstbeweihräuchernde Stories über großartige Erfolge gibt es schon genug. Ich schreibe gerne über die Themen, die eigentlich ausgespart werden, über das, was den anderen peinlich ist. Diese weichgespülten Inga-Lindström-trivial-Roman-Berichte mit netten Foto-Collagen finde ich einfach Banane.

Die Vorbereitung

Die letzte Salbung bei Herbert abgeholt.

Ein Ironman sollte als Vorbereitung für eine neue Marathon-Bestzeit ausreichend sein. Diesen Schwung wollte ich mitnehmen. Anfängerfehler. Wie sehr und wie lange dich ein Ironman ans Sofa fesselt, war mir nicht bewusst. Physisch und psychisch war ich knapp 4 Wochen auf Null-Bock unterwegs. Auf dem Papier war meine Vorbereitung dennoch mustergültig.

Drei harte Vorbereitungswochen, Intervalle bis zum Abwinken und spätestens ab der zweiten Woche war ich spitz wie Lumpi auf den Marathon. Meine zweitbeste 10km-Zeit und meine beste 5km-Zeit habe ich in letzten drei Wochen vor dem Marathon aufgestellt und das praktisch nach Belieben, fast mit Leichtigkeit. 22km auf der Bahn im Kreis waren mein persönlicher Höhepunkt. Ich war fit wie ein Turnschuh, zumindest, wenn man meinen rechten Unterschenkel außen vorlässt. Der war irgendwann so im Eimer, dass kein Schritt ohne Schmerzen möglich war. Ich wusste, dass eine 2:59h eine heftige Ansage wäre aber dieses Ziel war in greifbarer Nähe. So nah, dass ich die Schmerzen zwar nicht ignoriert habe, meine Hoffnung aber überwog. Mir stand ein Höllenfahrtskommande bevor und das hat mich motiviert.

 

Magische Grenzen

Mal ist es der Marathon unter 4:00h, die 21km eines Halb-Marathons mit einem Lächeln zu finishen oder in einer Pace von 4:30. Die 100 Meilen zu laufen. Die 1.000m unter 20min zu schwimmen oder den Ironman unter 10h zu packen. Die 10km unter 40min zu schaffen. Vielleicht auch das Podium oder die Top 10 der Altersklasse zu erreichen. Die Liste ist unendlich. Jeder, der irgendwo am Start steht hat so eine magische Grenze im Kopf. Sie ist es, die uns motiviert die Laufschuhe anzuziehen und bei Wind und Wetter dem Diktat des Trainingsplans Folge zu leisten. Sie ist es auch, die uns die Befriedigung des persönlichen Erfolgs verspricht, wenn man im Ziel taumelnd auf die Uhr guckt, scheiß egal, welche Platzierung dabei herausgekommen ist.

immer schön rein damit

immer schön rein damit

Problematisch wird es dann, wenn die Ordnung der Zahlen ein Ergebnis verlangen, was vielleicht eine Nummer zu hoch gegriffen ist. Für mich waren die 3 Stunden beim Marathon die magische Grenze, allein geschuldet durch die Tatsache, dass es just 3 ganze Stunden sind. 3 Stunden und 6 Minuten sind eine Grenze oder ein erstrebenswertes Ziel aber eben keine magische Grenze. 3 Stunden und 6 Minuten sind einfach nichts Faszinierendes. Ich kann mich noch an einen Marathon erinnern, bei dem ich mich im Ziel mit einem enttäuschten Mitläufer unterhalten habe. Er hatte eine Zeit von vielleicht 2:52h geschafft, was für viele ein unerreichbares Ergebnis ist. Seine magische Grenze, war allerdings die 2:49h. Die zu knacken, war Motivation für seine wochenlange Schinderei. Damals fand ich seine Enttäuschung erschreckend und traurig. Bei einer 2:52h hätte ich Wilson Kipsang vom Podest vertrieben und mich als Gewinner feiern lassen. Heute kann ich ihn verstehen.

Keine Gnade für die Wade

Voltaren ist ein echtes Teufelszeug. Deine Sehnen, Muskeln oder Gelenke können dir signalisieren, dass es zu viel des Guten ist und nur eine Pille katapultiert dich wieder ins Reich der Träume. Totaler Bullshit aber diese Erfahrung musste ich wohl erst machen um es wirklich verstanden zu haben.

Frühstückslauf am Samstag.

Frühstückslauf am Samstag.

Der Vorlauf am Samstag war wie so viele Läufe in den Tagen vor dem Marathon eher ein Humpeln als ein Laufen. Praktisch jeder Schritt tat mir weh aber meine Einbildung, mir würde es am Sonntag schon wieder besser gehen, war größer. Interessant, wie man sich selbst verarscht.

Zieleinlauf vom Frühstückslauf im Olympia-Stadion - schon ziemlich chefmäßig.

Zieleinlauf vom Frühstückslauf im Olympia-Stadion – schon ziemlich chefmäßig.

Als ich am Sonntag auf dem Weg zum Start war, haderte ich schon mit dem Warmlaufen. Anfersen oder anderes Lauf-ABC war gar nicht drin. Das Risiko, die Wade endgültig zu zerstören war mir schlicht zu groß. Dabei halfen auch keine Kompressionssocken oder das selbst montierte Kinesotape. Ich wusste jedoch, dass ich 30km durchhalten kann und das ein 10km Tempolauf auch noch erträglich war. Ich hoffte auf die Wettkampfmotivation und stand voller Tatendrang in der ersten Reihe meines Startblocks – in dem es wie nie zuvor nach allerlei Salben, Ölen, Kräutern und Wässerchen roch. In Starblock C und D war “Medikamentenmissbrauch” also salonfähig.

3:00 Pacemaker in Berlin

Die Frankfurter Festhalle ist ein Scherz gegen diese Kulisse.

Die Frankfurter Festhalle ist ein Scherz gegen diese Kulisse.

Ich werde die Renntaktik der Berliner Pacemaker nie verstehen. Offenbar gibt es eine stillschweigende Verabredung, dass man etwas schneller als angekündigt ins Ziel kommt. Ich hing mich an die Jungs dran und ging von einer konstanten Pace von 4:15 aus. Tatsächlich standen Kilometerzeiten von 4:05 oder 4:10 auf meiner Uhr. Viel zu schnell dachte ich mir, fühlte mich jedoch gut und träumte sogar zeitweise von einer 2:58h. Die Wade war unter Kontrolle.

Als ich mit 1:29h meine neue Halbmarathon-Bestzeit aufgestellt hatte, zwang ich mich zur Besinnung. Schließlich wollte ich doch das Rennen taktisch klug, d.h. progressiv angehen. Wirklich gelungen ist mir diese Taktik im Marathon noch nie, obwohl ich hier stundenlange Vorträge über die Vorzüge dieser Taktik verbreiten könnte. Für die verbleibenden 21,1km hatte ich aber noch die Chance diesen Fehler etwas auszubügeln. Die nächsten 10km etwas ruhiger angehen lassen und dann nochmal den Rest wieder etwas anzuziehen, war mein Notfallplan. Das klang in dem Moment echt clever von mir.

Tempo rausnehmen fühlte sich gut an und alles war noch im gelben Bereich. Der grüne Bereich war längst überschritten aber was sollte ich tun.

Energie aufladen

Drei Gels hatte ich an Board. Der Rest sollte mir angereicht werden. Die Gelverpflegung des Veranstalters bei Kilometer 27 entpuppte sich jedoch als Vollkatastrophe. Es gab Taxofit. Ja, richtig. Taxofit!!! Das ist diese Pseudo-Medizin aus dem Drogiemarkt gegen schimmelnde Füße, Erkältung oder für “starke Fingernägel und gesunde Haare” und für starke Nerven habe die auch etwas im Programm. Da nähert man sich dann schon dem Thema aber was haben die bitte schön mit Wettkampfverpflegung am Hut. Ok ok, ich wollte dem Laden eine Chance geben. Schließlich rühren die Damen und Herren bei Nestlé auch nur irgendein Chemiezeug für ihre Powerbar-Tüten zusammen und jeder Anfänger weiß, dass es eine tolle Idee ist neues Gel im Wettkampf zu testen – nicht.

Die Verpackung zu öffnen war die erste Herausforderung. Die Plörre im Mund zu behalten, geschweige denn alles runterzuschlucken erwies sich als unmöglich. Bei der Höhle der Löwen würde man das einen “Fail” nennen, also weg damit und irgendwie auf mein nächstes Gel am Straßenrand hoffen. Wo jedoch die verabredeten Treffpunkte waren, hatte ich schon total verballert.

Der Mann mit dem Hammer

Bis Kilometer 30 war ich noch voll auf Kurs. Das Mysterium vom Mann mit dem Hammer hatte ich völlig verdrängt. Ich war so von meinem Fettstoffwechsel Güteklasse 1A und den mit Saltin-Diät zum Bersten aufgeladenen Glykogen-Speichern überzeugt, dass mir dieses Szenario gar nicht in den Sinn kam. Eike aka Mr. Fettstoffwechsel lässt sich doch nicht von so einer Anfängerkrankheit mürbemachen. Ist so wie mit dem Heißhunger und den Lachflashs beim Kiffen – Anfängerkrankheiten (hat mir mal jemand erzählt).

Kurz vor dem Wettkampf schrieb mir meine Premium-Supporterin noch: “… vergiss nicht ‘you are an Ironman'”. Klar, ich hatte das Diplom des Ausdauersports schließlich an der Wand hängen und damit fühlte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes abgehärtet. So ein Marathon wird mich doch nicht ausknocken können. Die für dieses Höllenfahrtskommando notwendige Konzentration und Demut war dahin. Ich gebe hier zu bemerken: Mental war ich zu diesem Zeitpunkt noch voll auf der Höhe.

Eike auf dem Weg zur Weltformel

Das Tempo war etwas gedrosselt aber wie viel von meiner einen Minute Vorsprung hatte ich schon aufgebraucht und welches Tempo muss ich jetzt noch ins Ziel laufen? Meine Kopfrechenkünste gaukelten mir vor, dass ich die letzten 10km vielleicht nur noch in 45 Minuten laufen müsste. Wie ich auf diese irrsinnige Idee kam, ist mir schleierhaft, motivierte mich in diesem Moment aber ungemein. Es waren jedoch noch 7 Kilometer. 7 Kilometer bei einem Tempo von 4:15m/km. Wie lange werde ich dafür wohl brauchen? Das klingt nach einer Rechenaufgabe für einen 10-Jährigen. Schon jetzt werden sich manche Leser mit Hochschulabschluss für ihre Unfähigkeit schämen. Ja, Du! Rechne das jetzt mal aus und lies erst weiter, wenn du die Lösung hast.

Nicht auszudenken, wie man diese Aufgabe nach 35km an der körperlichen Belastungsgrenze lösen sollte. Die Antwort ist übrigens: 29 Minuten und 45 Sekunden.

Meine Kopfrechenkünste versuchten zu vereinfachen. Vielleicht kann ich ja 7 Kilometer in einer Pace von 4 Minuten ausrechnen. 7×4 also. Verdammte Scheiße, wie viel ist 7 mal 4, so schwer ist das nicht. Ähh, 7 mal 4…. 7 mal 4… Keine Chance. Ok, versuch’s mal mit 7×2. Ok, das sind 14, glaub ich. Jetzt nur noch das doppelte von 14. 14×2? Bekomme ich nicht mehr hin, unmöglich. 10×2? Das sind 20. Wie viel war nochmal der Rest? Wenn du beim Lesen hier schon Verständnisschwierigkeiten hast, hast du eine Idee davon, welches Brett ich vorm Kopf hatte.

28

Ich gab auf und rief einfach diese Rechenaufgabe ein paar Zuschauern zu: “Wie viel ist sieben mal vier???”. Von denen erntete ich nur völlig unverständliche Blicke. Was die wohl danach dachten: “Du glaubst es nicht, da brüllt uns einer 7 mal 4 zu. Der war total durch den Wind, ist verrückt geworden.” Erst ein Kind im Grundschulalter brüllte mir begeistert “aaaaaaacccchhhhtuuuuuunnnnddddzwanzig” und ein “lauf weiter, du schaffst das” zu. Das hatte mich wirklich motiviert. Jetzt blieb nur noch der zweite Schritt übrig: 3 Stunden minus 28 Minuten + X. Ist das jetzt 2:22h oder 2:32? Irgendwas mit zwei, wegen der acht. Das war klar. Das konnte ich dann doch noch selbst lösen und kam auf 2:32h. Wirklich sicher war ich mir trotzdem nicht. Wie sicher bist du beim Lesen des Rechenwegs? Auch ein Brett vorm Kopf? 🙂

Meine Uhr zeigte mir bei der 35km-Marke erst 2:30h an. Bei einem Schnitt von 4 Minuten würde ich also mit einem Puffer von 2 Minuten die 3 Stunden schaffen können. Aber Moment, ein Schnitt von 4 Minuten pro Kilometer ist mörderisch, völlig unrealistisch. Die 15 Sekunden pro Kilometer musste ich auch noch irgendwie berücksichtigen. Ich konnte schließlich keine Pace von 4:00 laufen, vielleicht wären noch 4:15 drin. Alter Schwede, rechne mal 7 Kilometer multipliziert mit 15 Sekunden und dann umgerechnet in Minuten. Energie ist gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat oder so. Das kleine 1×1 entpuppte sich als die Vereinigung von Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Ich war der Weltformel auf den Fersen. Ob Einstein wohl auch mal Marathon gelaufen ist?

Vergiss es, sagte ich mir. Lauf lieber einfach weiter und belaste dich nicht mit dieser Rechnerei. Der Nobelpreis und damit die nächste Rechenoperation wurden auf Kilometer 37 verlegt. Da wären es nämlich nur noch 5 Kilometer zu laufen. Die Versorgungspunkte waren die einzigen Ausreden um mal ein paar Schritte zu gehen. Nur an den Versorgungspunkten darfst du kurz gehen, bläute ich mir ein, war stolz darauf, das durchgehalten zu haben und auch mal einen Versorgungspunkt ausgelassen zu haben.

Schmerzen

Ich kann mich vage an eine Aussage erinnern, die meine Erinnerung Haile Gebrselassie zuschreibt: “Beim Marathon habe ich ab dem ersten Kilometer schon Schmerzen.” (sinngemäß) Das bedeutet für mich, dass einer der großartigsten Marathonläufer aller Zeiten praktisch über den ganzen Lauf mit sich und seinen Schmerzen ringen muss, das aber auch kann. Das hatte mich über Wasser gehalten, die Wade zum Stillschweigen gezwungen.

Ein Marathon ist immer mit Schmerzen verbunden, welche das genau sein werden ist nicht planbar. Sicher ist nur, irgendwann geht’s los und wird unaufhaltsam schlimmer. Auch für runomatic-Martin war der Zenit überschritten. Ich hatte wohl meine Toleranzgrenze überstrapaziert. Neben der rechten Wade, dem rechten Sprunggelenk und dem rechten Schienbein (Schienbeinkantensyndrom lässt grüßen) gesellte sich der linke Fuß in das Orchester ein. Ein bisher unbekannter schön stechender Schmerz in linken Bockermann (westfälisch für großer Zeh) wollte unbedingt meine Aufmerksamkeit – mit Nachdruck. Heute ist das Teil schwarz…

Ich konnte mich nicht entscheiden, was was mich mehr runterziehen wollte. Aber hey, es geht irgendwie weiter. Du spulst hier einen Kilometer nach dem anderen ab. Poooositive Gedanken!!! Poooostive Gedanken!!! Dieses beschissene Bild “Jetzt sind es nur noch 5-6km, die läufst du im Training auf einer Arschbacke” wollte dieses Mal aber nicht funktioniert. Trotzdem passierte ich, aufgeladen mit Selbstzweifeln, die 37km-Marke. Mir kam in den Sinn, dass ich bisher alle motivierenden Gedanken vernachlässigt hatte. Meine Liebste, die mich unermüdlich anfeuern wird, meine Familie und die Kids, die stolz auf mich sein werden und nicht zuletzt die Crowd dir mir aus dem Himmel zugucken würde. Ich redete mir ein, dass auch 3:01h oder 3:03h ein echt tolles Ergebnis sind. 2:59h sind doch ein völlig künstliches Ziel, totaler Bull Shit. Üüüüberhaupt nicht erstrebenswert. Ha! Was soll das überhaupt, dieses sinnloses hinterherlaufen nach irgendwelchen absurden “Sub 3 Stunden”-Zielen. Da stehe ich total drüber.

So richtig gut hatte das nicht funktioniert. Ich wusste, dass das eine Verzweiflungstat war und fing wieder an zu rechnen.

Marathon-Selbstaufgabe-galore

Kilometer 37 war in trockenen Tüchern. Nun konnte ich mich wieder voll und ganz mit meinem 1×1 des Marathonläufers beschäftigen. 5 Kilometer in einem 4er Schnitt sind genau 20 Minuten, so viel hatte ich noch in einer Gehirnwindung gespeichert. Bei dieser Marke tat mir Adam Ries(e) einen großen Gefallen. Meine Uhr zeigte mir nämlich ziemlich genau 2:40h an. Die Begeisterung über die Einfachheit der anstehenden Rechnung verflog jedoch, als sich mir alle Fakten offenbarten: Mit einem 4’er Schnitt auf den letzten 5km wären die 2:59:59h noch drin.

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In einem Temposteigerungslauf hatte ich vor zwei Wochen auf den letzten 3km eine konstante Pace von 3:50 geschafft. Diese Tatsache hielt mich am Leben und ließ mich weiter rechnen. Konstatiert musste ich mir eingestehen, dass ein Marathon mehr als 42km bedeutet. Es kommen noch 195m oben drauf und wenn ich wirklich ehrlich zu mir wäre, müsste ich die Messungenauigkeit von 200m zu viel meiner GPS-Uhr auch noch im Kalkül berücksichtigen. De facto waren es also noch 5,4km. 5km und eine Stadionrunde.

Eine ganze Stadionrunde kann man nicht wegzaubern, die kann ganz schön heavy werden. Alles Schönrechnen half nicht mehr. Mir wurde schlagartig klar, dass die Pace deutlich unter 4 Minuten pro Kilometer liegen müsse um die 3 Stunden-Marke noch knacken zu können. In meiner aktuellen Verfassung hätte mich da motivationsmäßig selbst eine Horde ausgehungerter Dinosaurier (fleischfressend versteht sich, ganz üble Sorte) nicht mehr schneller werden lassen.

Ich musste mir eingestehen, dass ich hier gerade den Ikarus machen würde. Bei mir schmolz jedoch kein Wachs zwischen den Federn weg und ich stürzte auch nicht ins Meer, bei mir war die tolerierbare Schmerzgrenze erreicht. Ich war energetisch im Eimer, kein Gel in der Nähe aber dafür wäre mir eh schon zu übel gewesen. Noch ein Schluck Wasser und ich hätte die Verpflegungstelle vollgekotzt. Wenn ich jetzt an die Red Bull Schorle (wer denkt sich sowas aus?) denke, kommt’s mir schon wieder hoch. Die Messe war gelesen.

The Walking Dead

“At least he never walked.”
Haruki Murakami, What I Talk About When I Talk About Running

Auch dieses Zitat hatte mich über lange Strecken motiviert. Nicht gehen, immer weiterlaufen!!! Als mich aber dann noch Seitenstiche malträtierten und mich am Atmen hinderten, war endgültige Schicht im Schacht. Ich war im Zombie-Status angekommen und blieb faktisch stehen.

Nada, rien ne va plus, nix geht mehr. Dieser Moment war es wert. Ich war zerstört, so noch nie in meinem Leben. Mein persönlicher Ground Zero war erreicht, die Bankrott-Erklärung. Die Erkenntnis, die 2:59 nicht mehr schaffen zu können, zog mir den Stecker – total. Von einem Moment auf den anderen, hatte ich mich aufgegeben und der Akku war tiefenentladen. Das Gefühl auf das ich beim Ironman gewartet hatte, vor dem ich da so großen Respekt hatte, war da: die Selbstaufgabe. Ich war neugierig, wie sich das anfühlt. Jetzt stand ich da und fand’s überhaupt nicht cool. Gehen, stehen bleiben, in die Ecke kotzen, aussteigen? Überhaupt nicht cool, sag ich dir. So musste sich Vereinskollege S.H. bei seinem ersten Ironman gefühlt habe, als er “mit diesem ganzen Scheiß aufhören” wollte – grundsätzlich und nie wieder!

Weiter geht’s

Da klopft mir -wie jedes Jahr- jemand auf die Schulter und rief mir ein aufmunterndes “los! komm schon, weiter geht’s!” zu und ich beschließe dieses Jahr doch einfach mal den Zieleinlauf zu “genießen” (nur Masochisten genießen Zieleinläufe). Kinder am Rand brüllen dich an und die Geräuschkulisse wird immer eindringlicher. Den Zuschauern fällt aber offenbar nur “du schaffst es, du schaffst es!” ein. Dabei ist genau dieser Motivationsspruch, der den nicht hören willst, wenn du gerade realisiert hast, dass du es nicht mehr schaffen wirst. Da wäre sowas wie “Scheiß drauf, kneif die Arschbacken zusammen, Quäl dich du Sau” oder ähnliches sicher zielführender. Ein Peter Greif mit einer Peitsche am Rand hätte auch gut funktionieren können (“jetzt Peitsche geben”).

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Ich schleppe mich weiter und die Uhr zeigt mir zum ersten Mal eine Pace über 5 Minuten an. Das war der Zombie-Moment, meine Bewerbung für Walking Dead, die mich wertvolle Sekunden kostete. Ich fühlte mich in meiner Abwärtsspirale von negativen Gedanken bestätigt, schaffe es aber dank der Zuschauer dann doch wieder mich aufzuraffen. In der letzten Linkskurve steht einer meiner persönlichen Schrittmacher am Rand. An ihn hatte ich mich über viele Kilometer drangehängt bis ich ihn bei einer Verpflegungsstelle verloren hab. Da stand er nun knapp 500m vor dem Ziel und bekam vor Krämpfen keinen Fuß mehr vor den anderen. Da ging es mir ja noch vergleichsweise gut.

Hier begann also das großen Sterben und ich war mittendrin. Einen Schnitt von 4:30m/km hatte ich noch geschafft und der Blick auf die Uhr beim Lauf durchs Brandenburger Tor offenbarte mir, dass selbst 3:05h nicht mehr drin sein werden.

Das Ziel

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Im Ziel hatte ich dann das erste Mal das Gefühl den zweiten Platz gemacht zu haben. Zu viel ist schiefgelaufen, im Wettkampf und in meiner Wade in den Wochen davor. Bei 2:59h, so hatte ich mir geschworen, hätte ich einen dicken Hacken an den Marathon gemacht. So einfach spielen die Götter im Olymp aber nicht und lassen mich wohl noch mindestens ein weiteres Mal antanzen.

Mit 3:06h habe ich eine neue persönliche Bestzeit im Marathon erreicht. 6 Minuten schneller als im letzten Jahr als ich eine absolut perfekte Vorbereitung hatte. Dazu mit 1:29h einen neuen persönlichen Halbmarathon-Rekord. Den letzten hatte ich ebenfalls in Berlin im letzten Jahr aufgestellt. Außerdem habe ich damit die Zeit meines Marathon-Debüts im Jahr 2012 um genau 1 Stunde verbessert. Das sollte jedem, der beim ersten Versuch die magische Grenze von 4 Stunden nicht knackt genügend Motivation geben. Nur vier weitere Versuche und die 3 Stunden Marke ist in greifbarer Nähe. Ab geht’s!

2:59h, ich hab’ noch eine Rechnung mit Dir offen.

Vielen Dank

Vielen Dank an meine Liebsten, Freunde, Kollegen und Co. für den Support! Vielen Dank für den Trainingsplan, den ich mir selbst nie zugetraut hätte, Kudos für die Kudos, vielen Dank für die Partys in den letzten Wochen (nur Idioten sagen, dass das Kondition gekostet hat), das Tiramisu in Berlin und das seriöse BBQ am Samstagabend. Viele Grüße an die Mega-Laufreisen-Truppe aus Gütersloh, Richard, den Busfahrer. Respekt an den 3. der AK M65 mit 3 Trainings pro Woche und einer 3:11 – unfassbar! Support your Supporters! Ich gebe die Tage mal einen aus. 🙂

Ganz zuletzt

Das Anziehen von Kompressionssocken konnte ich am Marathon-Wochenende revolutionieren. “Kaum macht man’s richtig, schon funktioniert’s”. Ich freue mich auf die Erfahrung einen blauen Zehennagel zu verlieren – nicht. Bei der Vorstellung gehen mir schon jetzt die Nackenhaare hoch. Nach 5 Tagen bin ich schon wieder in die Lage halbwegs normal zu gehen, yeah! Die Hausaufgaben für’s Sofa sind auch schon bestellt: Mentaltraining für Läufer: Weil Laufen auch Kopfsache ist

Hier bitte deine Kudos abladen!