Laktatschwelle

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Hermannslauf 2015 – Alarm im Darm

Der Hermannslauf ist mein persönliches Saisonhighlight. Kein anderer Wettkampf ist so faszinierend. “Der Hermann” ist einzigartig. Die Strecke ist mit 31,1 km untypisch, das Profil ist sehr anspruchsvoll und es gibt ihn immer nur einmal im Jahr. Einen Marathon kann man praktisch jedes Wochenende irgendwo laufen. Da sucht man sich den Wettkampf nach seinem Terminkalender aus. Der Hermannslauf hingegen diktiert den Terminkalender (“immer am letzten Sonntag im April”).

Letzten Sonntag war es wieder soweit. Da sollten sich knapp 4 Monate Vorbereitungszeit auszahlen. Mein Ziel war es, mit 2:29:59h die 2:30h Marke zu knacken. Basti hat sich understatement-mäßg eine Zeit unter 2:10h vorgenommen. Seine bisherige Bestzeit lag bei 2:06h. Basti und ich gehen manchmal zusammen im Teuto laufen. Für Basti ist das ein lockerer Grundlagenlauf, für mich ein Rot-Gelber-Tempodauerlauf. 🙂

Basti trainiert Freestyle, d.h. ohne Plan aber offenbar mit einem erfolgreichen Konzept: Viel Kilometer, sehr schnell laufen! Von wegen Periodisierung, Mesozyklus, Grundlagenphase, Intervalle, Lauf-ABC… Einfach Laufen! Praktisch immer auf der Originalstrecke. Der Erfolg gibt ihm Recht. 2 Stunden und 3 Minuten werden die meißten von uns auch mit brutalem Traininsaufwand niemals schaffen.

Basti Gontek – der schnellste Mann ohne Trainingsplan – fliegt in 02:03:19 als 17. in der Gesamtplatzierung und 5. der M35 durchs Ziel.

In 2:29:55h habe ich es letztendlich geschafft und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden, obwohl vielleicht etwas mehr drin gewesen wäre, wenn ich nicht einen bescheuerten Anfängerfehler gemacht hätte… Wer jetzt keine peinlichen Details lesen möchte, sollte nicht weiterlesen!

Vor dem Rennen

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Herflocken, Obst und Buffer als Frühstück vor dem Hermannslauf. #Raktentreibstoff

Nirgendwo wird so viel gelogen, wie bei Läufern die sich vor dem Hermannslauf über Ihren Trainingszustand unterhalten. “Bin nicht so richtig gut drauf”, “war oft krank”, “eigentlich hatte ich mir unter 3h vorgenommen, werde ich aber nicht schaffen können, weil…”, “hab mir ein Schienenbeinkantensyndrom zugezogen”, “bin erkältet” blablabala… ALLE haben trainiert, was das Zeug hält und ALLE sind motiviert bis unter die Haarspitzen. ALLE geben sich aber toooootalll locker.

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Ankunft der Busse am Hermannsdenkmal

Auf der Busfahrt durften wir solche Gespräch verfolgen. Basti und ich hatten uns am Vortrag auf der Messe noch einen Energy-Riegel besorgt. Das ekelige Zeug haben wir uns dann auf der Fahrt reingezogen. Alles easy… Beim Denkmal angekommen, noch ordentlich warm gemacht, gedehnt und so weiter… 1.000 Leute getroffen, die alle nicht trainiert hatten… Dann wurde es langsam ernst.

Das Rennen – Hermannslauf 2015

Vor Klausuren musste ich auch schon ständig pinkeln. Bei Läufen ist das ähnlich. Selbst 2 Minuten vor dem Start zum Hermannslauf musste ich eigentlich schon wieder, konnte den Leuten im Starblock aber nicht auf die Füße pissen. Im Startblock habe ich aber eine Menge Laufkollegen getroffen. Sogar einen alten Kumpel, Philipp, der inzwischen in der Schweiz lebt, war am Start. Ich bin gut und locker gestartet und hab mich dann an einen unsere Lauftrainer (Hermi) gehängt, damit ich am Start nicht zu schnell bin. Aus meiner Trainingsgruppe gesellten sich noch ein paar andere dazu. Viele Grüße an die brutalen Laufmaschinen aus der “B1”!!! 🙂 So sind wir dann in Detmold losgerannt und den großen Ehberg wieder hoch. Alles ganz locker zu dem Zeitpunkt, sogar ein kleiner Vorsprung stand schon auf der Uhr. Irgendwo auf dem Ehberg treffe ich dann Philipp aus Zürich wieder und wir laufen einfach zusammen weiter. Ich hatte Hermi und Co. irgendwie verloren und hab mich dann stumpf an Philipp gehängt. Auf einmal melden sich Seitenstiche. Alter, was is das denn??? Seitenstiche hatte ich ewig nicht mehr. Aber immer schön cool bleiben und die Seitenstiche “wegatmen”. Das klappt, wenn man sich beim Atmen entspannt. Bei einem 4:30er Schnitt bin ich aber nicht entspannt. Naja, ging dann trotzdem irgendwie weg. Schmerzen kann man schließlich auch rauslaufen…. Den Tönsberg sind wir recht entspannt hochgekommen, obwohl das eigentlich als eine der übelsten Passagen gilt. Da hatten wir ungefähr die Hälfte um. Puls nahe 100% aber alles gut. Nur mein Darm war da anderer Meinung. Der hatte offensichtlich andere Ziele als ich. Ich hab’ gefurzt was das Zeug hält. Eigentlich nicht ungewöhnlich, weil man sich tierisch viel Energy-Zeug reinknallt. Es hörte aber nicht auf. Dann kam der Magen dazu und in meinem Kopf wurde so langsam die Kirmes angekurbelt. Irgendwas musste ich falsch gemacht haben. Hab’ ich zuviel Buffer getrunken, mir zu viele von den Gel-Chips reingezogen, war ich einfach nur nervös, stimmt die Zeit noch, ist mein Puls zu hoch, zu niedrig, bin ich schnell genug, liege ich noch in der Zeit? Scheiße, ich war am Anfang zu schnell, dachte ich da. Ich hab das Laktat durch meine Haut praktisch gesehen. Kann nicht sein, alles gut, weiterlaufen, dranbleiben. Furzen!

Kurz hinter dem Schopketal standen meine Kollegen von HDNET mit einer extra Verpflegungsstation für mich. Wieder Buffer, wieder Gel-Chips. Normalerweise fahre ich auf das Zeug total ab, weil du “instantan” einen Energieschub bekommst. Das hatte ich mir so zurechtgelegt, weil ich mir dann beim Anstieg nach Lämmerhagen in Ruhe etwas von dem Doping reinziehen konnte. So der Plan. Zwei Schlucke aus der Flasche und der Magen signalisierte mir, das er damit gar nicht einverstanden ist. Würgereiz, Magenkrämpfe, Scheiße! Egal, weitermachen. Nützt ja nix. An Philipp dranbleiben, der macht ‘ne ordentliche Pace. Ich musste mich schließlich für  die Lämmershagener Treppen erholen.

Für Spanner: Alle aufgezeichneten Daten meines Hermannslaufs

Renndatei vom Hermannslauf 2015

Klick auf’s Bild für alle Daten vom Lauf! http://tpks.ws/zyh6

Von den Lämmershagener Treppen bis zum Eisernen Anton

Alter Schwede, die Treppen! Ich bin die schon x-Mal gelaufen und kann den Abschnitt inzwischen gut einschätzen. Wenn Du beim Hermannslauf aber schon knapp 23km in den Beinen hast, können dich diese Treppen echt fertig machen. Ich konnte jedenfalls nur hoch gehen und hab mir die Pause einfach mal gegönnt. Mein Kollege ist auf dem Stück davongezogen. Egal, den sammle ich später noch ein. Nach den Lämmershagener Treppen geht es schön konstant bergauf bis zum Eisernen Anton. Mein Darm pfiff auf dem letzten Loch und ich suchte schon nach “Möglichkeiten” und spielte Optionen im Kopf durch. Wenn da am Eisernen Anton ein Dixi-Klo geständen hätte, ich wäre der glücklichste Mensch der Welt gewesen. Da stand natürlich keins. Egal, weiterlaufen! Nach dem Eisernen Anton kommt nochmal ein echt fieser Anstieg hinter der Osningstraße. Ich kann nicht verstehen, warum man dem noch keinen Namen gegeben hat. Das Teil ging jedenfalls auch brutal auf die Knochen.

Nur noch bergab

Wenn ich dieses Stück aber geschafft habe, denn kommt meine große Stunde. Der Hermannslauf geht nämlich absolut gesehen bergab. Bergablaufen kann ich gut, viel besser jedenfalls als berghoch und diese letzten 5 km gehen praktisch nur noch bergab. Da kann ich richtig Gas geben. Gas geben im wahrsten Sinne des Wortes. Bist Du schonmal mit einem Affenzahn einen Berg runtergerannt und musstest dabei auf’s Klo? Groß auf Klo? Arschbacken-Zusammenkneifen-Deluxe sag ich Dir! Dazu kommen natürlich noch leichte Anwandlungen von Krämpfen und die Zweifel, ob man sein Ziel überhaupt noch schaffen kann. Egal, ich wollte nur noch ins Ziel um möglichst schnell auf’s Klo zu kommen. Das ging auch alles noch. So krass, wie du es Dir jetzt vielleicht vorstellst, war es vermutlich nicht. Ich bin ja schließlich mit sauberen Klamotten ins Ziel gekommen. Spaß hat das aber nicht mehr gemacht.

Zieleinlauf

Auf den letzten Kilometern des Hermannslaufs ist jedes bekannte Gesicht, was Dir zujubelt Gold wert. Meine Eltern standen bei der Habichtshöhe und meine allerbeste Caro hat mir auf der Promenade dann noch den letzten Schliff Motivation gegeben.
Stehen da im Ziel eigentlich Dixi-Klos? Bestimmt! Vollgas!!! Schnell noch ein Lächeln für das Zielfoto rausquetschen, Zeit checken… Geeeeiiiiiiiiiillllll!!!! Geschafft! 5 Sekunden schneller als mein Plan! Und plötzlich war auch der Drang nach dem Dixi weg… Basti stand da natürlich schon ganz entspannt und hat gewartet.

Kapitaler Fehler beim Hermannslauf: Essen, was man vorher nicht ausprobiert hat.

Es ist soooo dumm von mir gewesen! Ich weiß, dass ich kein Magnesium vertrage, obwohl ich bestätigen Mangel an dem Zeug hab. Ich hab schon total verträgliche Pillen aber schon eine halbe davon lassen meinen Darm rebellieren und mich ziemlich genau 2 Stunden später auf dem Klo wiederfinden. Das weiß ich, das weiß ich lange, darauf achte ich. Eigentlich…

Bei 25mg Magnesium fängt das schon an. In diesem Riegel, den ich mir auf der Busfahrt reingezogen habe, waren aber 150mg Magnesium. Das ist die 6-fache Menge die in meinem Darm den Raketentreibstoff gezündet hat. Wirklich ärgerlich, dass ich darauf nicht geachtet habe. Ein kapitaler Anfängerfehler.

Jeder macht Fehler. Nur Dumme machen einen Fehler zweimal. Hermann 2016, ich komme, ohne Magnesium.

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