Laktatschwelle

Weniger posten, mehr trainieren!

Hermannslauf 2016 – die ostwestfälische Weltmeisterschaft im Landschaftslauf

Hier bei uns in OWL ist der Hermann eine Kultveranstaltung, etwas religiöses. Die Einmaligkeit des Hermanns ist dafür sicher ausschlaggebend. Komische Distanz von 31,1km, 515 ekelige Höhenmeter bei 710m Gefälle (also eigentlich ein Bergablauf), Tränenberge, ständig wechselnder Untergrund, unberechenbares Wetter, eine One-Way-Strecke mit Bustransfer, Lakatat-Injektions-Treppen, halb Bielefeld im Zeileinlauf und eine ganze Menge Lokalpatriotismus.

Nach wenigen Stunden sind die 7.000 Startplätze ausverkauft und nach ein paar Wochen kommen die verzweifelten Nachfragen: “Kennst Du noch jemanden, der einen kennt, der vielleicht noch eine Startnummer abgeben kann?” Die Leute habe nicht nur Panik, wegen des Laufs, die Panik fängt schon bei der Startnummernzuteilung an. Trotzdem rennt halb OWL die Strecke platt. Spätestens ab Januar geht’s los. Die gute Vorsätze werden ausgepackt und plötzlich wird es auf der Strecke im Teuto eng. An sonnigen Wochenenden schraubst Du Dir am besten eine Fahrradklingel an die Finger.

Du hast das Gefühl schon ganz gut drauf zu sein, bis Dich ein Mittsiebziger mit einem “12. Hermannslauf 1983” T-Shirt, Baumwoll-T-Shirt, am Eisernen Anton zersägt hat. Da hilft nur der diszipliniert Blick auf die Pulsuhr und man möchte ein “Ähhhh, Hallo!!!! Ich mach hier heute nur locker Grundlage” hinterherrufen. Sowieso macht ja eh jeder der schneller ist vermutlich gerade einen Tempolauf oder noch besser einen Intervall und der Rest hat einfach keine Ahnung von strukturiertem Training. So legt man sich seine kleinen Ausreden zurecht…

Schließlich hat man beim Hermann etwas zu verlieren. Ankommen ist das eine. Mit Würde ankommen, etwas ganz anderes. Eine akzeptable Zeit, hinter verborgener Hand, ebenfalls sehr entscheidend. Ich hab mir das nicht ausgedacht:

Als echter Ostwestfale gilt man erst, wenn man den Hermann gelaufen ist. Als Laufen gilt alles “unter 3 Stunden” – Zeiten darüber gelten als Wanderung.
Ostwestfälische Weisheit

Ich bin selbst bei meinem ersten Versuch daran gescheitert und bin der Meinung, dass sich jeder, der sich nach knapp 20km noch die Lämmershagener Treppen hochgeschleppt hat, es verdient hat, sich “Hermannsläufer” zu nennen. Der Spruch stammt daher von irgendeiner Theke von irgendjemand der den Hermann selbst noch nie in Angriff genommen hat.

Das große Sterben

In den Tagen vor dem “letzten Wochenende im April”, fängt das Trauerspiel an. Die Absagen trudeln wie Spam-Mails ein. Hier ein Schienbeinkantensyndrom, eine zerstörte Achillessehne, Verdacht auf Muskelfaserriss, Ermüdungsbrüche, dort ein Fersensporn oder eine Erkältung. Nach dem, was man so vor dem Hermann an Hiobsbotschaften mitbekommt, muss man wirklich am gesundheitlichen Nutzen des Langstreckenlaufs zweifeln. Das sorgt jedoch für eine Neuverteilung der begehrten Startnummern. Abgebrühte Hermännner besorgen sich eh erst am Samstag vor dem Lauf ihre Starterlaubnis – und sparen dabei übrigens bares Geld. Die Trauergeschichte, die man sich vom Verkäufer anhöhren muss, gehört allerdings dazu.

Silvia ist clever und fährt lieber mit dem Rad

Silvia ist clever und fährt lieber mit dem Rad

Tiefstapelei

“Ich lauf nur auf ankommen” oder “ach, ganz easy, wäre froh, wenn ich 10 Minuten langsamer bin als letztes Jahr”, “hab ja kaum trainiert”, “irgendwie fehlen mir dieses Jahr die langen Einheiten” (wahlweise Tempoeinheiten), “bin erkältet”, “das wird dieses Jahr nix”.

Wenn ich so zurückblicke, fällt mir niemand ein, der im Vorfeld von einer neuen Bestzeit gesprochen hat. Falls sich jemand mal zu einer Zeit hinreißen lässt, kann man getrost 5 bis 10 Minuten abziehen. Aus einer “So grob unter 2:30” wird also eine 2:21 oder aus “wäre mit 3:15 schon happy” wird eine 3:08. Am liebsten war mir jedoch:

“Hauptsache, schneller als Du.”

Nochmal meinen herzlichen Glückwunsch, Andreas! 😉

Mein bester Hermann 2016

Es ist schon erstaunlich, wie sich die Aufregung von Jahr zu Jahr legt. Bei meinem ersten Hermann war ich Tage vorher schon ein nervliches Wrack. Dieses Jahr war aus verschiedenen Gründen nicht optimal. Also war eh alles scheiß-egal. “Das wird dieses Jahr nix” (siehe oben).

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Es gab wieder man Spezial-Frühstück. Dieses Jahr allerdings getuned mit Chia-Samen. Grüße an die Lido-Trainingslager Jungs von denen ich das gelernt hab.

Zum Frühstück gehören Haferflocken, Joghurt, Apfel, Chia-Samen und ordentlich Ahornsirup. Dazu noch ein obligatorischer Kaffee und zwei Mandarinen für’s gute Gewissen, die schön den Kleiderbeutel zusauen, weil man sie doch nicht isst.

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Vor der Busfahrt

Basti und ich hatten dieses Jahr gleich drei Novizen unter unseren Fittichen. Die Gontek-Brothers wurden ja in der heimischen Presse schon breit diskutiert… Basti hat “nicht trainiert” und glaubte, nur knapp unter 2:15 zu kommen. Sein Bruder Florian tritt da in ganz schön dicke Schlappen. Dazu noch ein Gütersloher-“31km-sind-mir-eigentlich-zu-lang”-Tiefstapler und ein Belgier, der erst kürzlich einen Ultralauf gemacht hat und uns beibringen wollte, dass es in Belgien Berge gibt.

Eine illustre Runde, die sich spätestens ab dem Hermannsdenkmal zusammen den A**** abgefroren hat. Vorab mussten wir allerdings bangen, weil unser Busfahrer offenbar den Weg nicht so gut kannte – ebenfalls ein obligatorisches Ritual. Ich glaub, die Busfahrer machen das extra um die Nervosität auf die Spitze zu treiben.

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Trotzdem angekommen

Start “ganz locker”

Im Startblock gröhlt es durch die Lautsprecher, dass von den 7.000 Startern ca. 3.000 zum ersten Mal dabei sind. Nur etwas mehr also die Hälfte sind also Wiederholungstäter. Warum das ist, kann man sich selbst erst im Ziel beantworten.

Noch beim Hermanns(vor)lauf hatte ich am Ehberg nahezu Maximalpuls. Den Stress wollte ich mir diesmal nicht machen und bin locker gestartet. Bergab ist dazu meine Lieblingsdisziplin. So stiefel ich die erste Kilometer nach unten und sehe links und rechts die ersten Ausfälle. Erstaunlich wie viele schon auf den ersten 5 Kilometern aufgeben müssen. Noch erstaunlicher, wie viele Pinkeln müssen. Du blickst nach vorne und die Hälfte rennt in die Büsche als ob es seit Stunden die erste Gelegenheit dazu wäre. Den Ehberg wollte ich verhalten nehmen. Habe reihenweise die Leute überholen lassen. Selbst der Typ der in der Sandkuhle vor dem Ehberg schon hyperventiliert hat, hab ich ziehen lassen. Oben war ich ganz stolz, dass ich das so langsam gemacht hab. Natürlich dabei ohne Ende Plätze verloren aber locker durchgekommen. Zusammengerecht wird am Ende, redet man sich ein, obwohl man weiß, dass man die meisten nie wieder einholen kann.

Zum Tönsberg

Über die Panzerbrücke und am Truppenübungsplatz vorbei war alles easy. Ich war praktisch allein, niemand um mich herum an dem ich mich orientieren könnte oder müsste.  Zumindest niemand den ich kannte, allein ist man beim Hermann nicht. Selbst Panzer sind nebenan gefahren und es war so trocken, dass es regelgerecht Staubwolken gab. Über 10°C hat es das Thermometer allerdings nicht geschafft. So bin ich einfach meinen Stiefel gelaufen. “Das wird ja dieses Jahr eh nix”. Ab und an hab ich noch versucht den Puls noch in den Grundlagenbereich zu bekommen um meine Zeit dann noch mit “Trainingslauf” rechtfertigen zu können. Vereinskollege Manni war da schon lange an mir vorbei, der alte Tiefstapler. Trotzdem hatte ich den Verdacht auf Bestzeitkurs unterwegs zu sein. Vor dem Tönsberg sehe ich dann ein paar Jungs aus meiner Trainingsgruppe. Hermann, Andreas und Wilfried. Echt harte Knochen aus der B1. In deren Windschatten den Tönsberg hoch gestiefelt. Das haben wir im Training x-Mal zusammen gemacht und da hing ich auch immer hinten dran. “locker Grundlage” bei 90% HFmax, du erinnerst dich 😉

Auf dem Weg nach Oerlinghausen hab ich dann etwas Gas gegeben. Schließlich musste ich ja meine Bergabstärke ins Spiel bringen. Meine einzige Chance, irgendwie eine Banane zu gewinnen. Nach dem Schopketal fängt dann das echte “große Sterben” an. Am “Highway to Hell”-Hügel fällt mir plötzlich mein Verfolger Christoph auf. Der Novize hat sich clever an mich drangehängt um keine groben Fehler zu machen. Gut gemacht! Der Frechdachs war tatsächlich die ganze Zeit hinter mir, ohne das ich nur den Funken einer Ahnung hatte. War für uns für beide eine super Sache. Ich hab mir keinen Stress gemacht und er erst recht nicht.

Lämmershagener Treppen

Ein paar km vor den Treppen postiert sich traditionell die versprengte HDNET-Truppe und gibt mir für den Wandweg den nötigen Schub. Den Stolz die Treppen hochlaufen zu wollen, hab ich dieses Jahr abgelegt. Zumal es zwischenzeitlich etwas Graupelschauer gegeben hat. Eine Abkühlung, die ich wirklich nicht gebraucht hab. Trotzdem knallt die Treppe ordentlich rein. Dieses Jahr hab ich endgültig begriffen, dass der Hermann erst auf den letzten 10km richtig anfängt. Bis dahin war es nämlich ein halbwegs angenehmer Lauf. Die Höhenmeter haben mir dann aber doch ordentlich zugesetzt und plötzlich taucht Trainingspartner Andreas auf. Ich war da schon so zugenebelt, dass ich nicht wusste, ob ich ihn oder er mich eingeholt hat.

Die letzte Quetscherei

Eigentlich geht es dann ja nur noch bergab… naja, man muss nur noch zum Eisernen Anton hoch, den ekeligen Hügel nach der Osningstraße und dann hat man’s eigentlich. Christoph hatte ich schon “abgeschrieben”. Nach den Treppen hab ihn nicht mehr gesehen und ihm seinen “Triumph” gegönnt. Alles rausquälen, das hatte ich mir dieses Jahr nicht vorgenommen. Andreas und ich sind dann noch etwas zusammen gelaufen aber bei den Kamelhöckern vor dem Eisernen Anton sah man Andreas dann doch an, dass er erst kürzlich den Hermann doppelt gelaufen ist und ihm diese Rampen nichts anhaben können. Ich wollte mich dort einfach nicht kaputtlaufen und hab schön locker gemacht. “Locker” ist in so einem Moment allerdings nichts mehr.

Man rechnet sich ‘nen Wolf

Stell’ mir beim Laufen die Rechenaufgabe “3+7” und ich komme nach drei Nebenrechnungen auf das Ergebnis “15”. Anders gesagt: Der Neandertaler brauchte im Überlebenskampf keine Algebra. In diesem steinzeitlichen Geisteszustand versuchen ich also auszurechnen, wie lange ich bei einem Tempo von 4:15 Minuten / Kilometer noch für 4 Kilometer brauche. Damit wollte ich meine Endzeit vorausrechnen. Keine Chance. Zwischen 2:38 und 2:20 hatte ich jedes Ergebnis. Dazu kam, dass meine GPS-Uhr inzwischen ca. 1km hinter den echten Kilometermarkierungen lag und ich mich deshalb auch darauf nicht mehr verlassen konnte. Mit jedem Kilometer wurde die Rechnung allerdings einfacher. Spätestens bei Kilometer 29 wurde mir klar, dass ich die 2:25 knacken könnte. Also Beine in die Hand!  Zugegeben, bei diesen letzten beiden Rampen mach ich auch manchmal kurze Gehpausen. Bei dem Teil am Anfang der Promenade geht das aber nicht mehr. Da stehen Kinder. Was sollen die denn denken? Aufgeben ist schließlich keine Option. Andreas war da noch in Sichtweite. Vielleicht 150m… die werden aber ganz schön zäh. Man muss sich schon ganz schön lang machen um auf dem letzten Kilometer noch ordentlich Plätze gut zu machen, schließlich drückt hier jeder noch raus, was geht. Warum man das macht? Keine Ahnung. Meine Lieben brüllten mir dann noch ein letztes “Eiiiiiiikkeeeeeee” für den Zieleinlauf entgegen und schwupps, war ich im Ziel.

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Echts Breitensport-Feeling! …irgendwo da hinten links versteckt sich Sansar

Tatsächlich mein bester Hermann. Nicht, wegen der neuen Bestzeit, sondern weil es dieses Jahr einfach echt ganz gut “geflutscht” hat. Wer meinen 2015’er Hermannslauf kennt, weiß den Wortwitz zu deuten. Im November geht der Wahnsinn wieder los. 🙂

Weltuntergang im Zielbereich

Weltuntergang im Zielbereich

Wer die Strecke mal sehen möchte…. Birgit ist am Samstag einmal von Bielefeld nach Detmold und wieder zurück gelaufen um dann am Sonntag nochmal mit allen anderen von Detmold nach Bielefeld zu laufen. 93,3km an einem Wochenende. Nur als kleine Motivation für die, die glauben mit ihrem Hermannslauf etwas geleistet zu haben.

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