Laktatschwelle

Weniger posten, mehr trainieren!

Mitteldistanz-Hitzeschlacht an der Kotzgrenze

Meine Schwester bezeichnete Harsewinkel erst kürzlich als eine kleine Insel. Da würde es alles geben, was man zum Leben braucht. Und nicht nur das! In “Rabbit-Corner” gibt es neben Mähdreschern, Traktoren und anderen tollen Landmaschinen-Technologien sogar einen Triathlon-Verein. Praktisch vor meiner Haustür und genau einen Monat vor meinem Ironman-Debüt fand dort letzten Sonntag eine Mitteldistanz (Triathleten-Latein für “ein halber Ironman”) statt. Eine gute Gelegenheit für mich um alle Schrauben, Ventile und Co. zu überprüfen. Mehr eine psychologische denn eine physiologische oder physische Maßnahme. Für mich bzw. meinen Kopf aber echt wichtig, weil ich so langsam nervös werde. 3,8km Schwimmen, 180 Rad und 42,195km Laufen bleiben trotz des ganzen Trainings eine besondere Herausforderung. Völlig zerstört wollte ich in Harsewinkel nicht in’s Ziel kommen. Der geneigte Leser dieses Blogs vermutet jedoch schon, dass die ganze Aktion dann doch nicht so easy über die Bühne gegangen ist 🙂

Vorbereitungen

Im Vergleich zum IM 70.3 in Zell am See war ich dieses Wochenende tiefen-entspannt. Von Aufregung keine Spur. Blieb Platz für ein paar Tuning-Maßnahmen: Um den Rollwiderstand (auch Walkwiderstand) der Reifen zu reduzieren habe ich mich für Latex-Schläuche entschieden. Die sind nur leider pannen-anfälliger. Mit Pannenmilch kann man das Problem entschärfen. Fällt in die Kategorie: “Muss man alles mal gemacht haben, ist aber vermutlich unnötig.” Der Glaube versetzt Berge und sobald du glaubst, dass deine Reifen besser rollen, ist das auch so. Meiner neuer Aero-Helm wartete ebenfalls schon auf seinen ersten Wettkampfeinsatz.

Randnotiz: BestBikeSplit

Die perverseste Tuning-Maßnahmen mit dem höchsten Level an “Eike, jetzt hört’s aber auf” war meine Berechnung mit BestBikeSplit. Die Idee dahinter ist echt abgefahren. Hier nur in aller Kürze das Prinzip:

Die Geschwindigkeit auf dem Rad ist das Ergebnis aus Leistung und Widerstand (Luft und Roll-Widerstand). Der Luftwiderstand wächst im Quadrat zur Geschwindigkeit. (“jaaaa, Eike, komm zu Punkt!”) Es ist deshalb sinnvoller bergauf mehr Kraft zu investieren als bergab und bei Gegenwind sinnvoller als bei Rückenwind. Ganz grob… Am besten gibt man eh immer Vollgas 🙂

Screenshot des Powerplan von BestBikeSplit

Screenshot des Powerplan von BestBikeSplit

Was macht nun BestBikeSplit? Du fütterst die Software mit ein paar Daten von Dir (Schwellenwertleistung in Watt, Fahrrad, Größe, Gewicht, etc.) und die GPS-Daten der Strecke und den Wetterbericht (Temperatur, Windgeschwindigkeit und Richtung etc.). Anhand dieser Daten wird dann für Streckenabschnitte der ideale Wattwert berechnet. Auf deinem Garmin wird dir an dem jeweiligen Abschnitt der berechnete (optimale) Watt-Wert angezeigt. Puhhhhh!!!

Ich hab das einfach mal getestet und bin am Vortag mit dem Rädchen auf die Strecke gefahren. Nach 3 Kilometern und gefühlten 18 Piepsern und Benachrichtigungen, wie viel Watt ich jetzt hier wie lange treten soll, habe ich genervt abgebrochen. Das war mir dann doch zu viel des Guten. Ich habe mich dann für die konventionelle Methode entschieden: Gas geben.

Vorhersage / Berechnung tatsächliches Ergebnis
02:11:52h 2:10:35h
36,5 km/h 36,8 km/h

Interessant ist jedoch, dass mir das Tool meine Radzeit extrem genau vorhersagen konnte. Diese Genauigkeit finde ich schon bemerkenswert. Bleib noch zu überprüfen, ob das ein Zufall war. Eine super Indikation ist es allemal. Ob man’s braucht? Natürlich nicht!
Zwischen-Fazit: In der Theorie total überzeugend. Für mich ist es in der Praxis zu nervig. Man will es ja nicht übertreiben. Ich bleibe da aber dran…

Schwimmen

Schwimmen ist die einzige Disziplin, die mir im Wettkampf Sorgen macht. Schon auf einer Bahn mit 5 Leuten kann man ganz schön “untergehen”. Schwimmen ist für mich eine Grenzerfahrung. Die Aussicht auf 2.000m nicht besonders verlockend. Letztes Jahr war ich bei der Kurzdistanz in Harsewinkel fast Letzter. Dieses Mal lief es deutlich besser und viel entspannter. Vor allem, weil ich schön brav hinter meinem Vereinskollegen Andreas hinterher schwimmen konnte. Als ich zwischendurch mal einen Blick auf meine Uhr geworfen hab, zeigte mir das Teil bei 1.000m sogar eine Zeit von unter 20:00 Minuten an. Alter Schwede, was bist Du heute gut drauf, dachte ich mir. So langsam wurde ich aber skeptisch. Spätestens als 2.100m auf der Uhr standen aber die freundliche Damen noch lange kein Brett ins Wasser gehalten hatte, war mir klar, dass die Uhr falsch gemessen hat (falsche Maßeinheit für die Bahnlänge).  Zumal auch die anderen Jungs auf meiner Bahn keine Anstalten machten, aus dem Becken zu steigen. À pro pos Jungs auf der Bahn…. Wenn ihr das hier mal lesen solltet: Es ist scheiße nicht nett, eine 40’er Zeit anzusagen um dann im Bruststil die Bahn zu verstopfen. Naja, für mich waren es mal willkommene Erholungspausen. Nach “2.450m” war ich dann soweit war total begeistert das Andreas und ich bei 43 Minuten aus dem Becken stolperten. Ab inne Wechselzone…

Radfahren

Schwupps auf das Rad und Gas geben. Ein 35’er Schnitt klang erstmal ziemlich verwegen aber ein Versuch war es wert. Die gesamte Distanz in Aero-Position war ebenfalls “ein Versuch wert”. Im Wettkampf darf man sich  völlig fast legal wie eine besengte Sau auf der Straße verhalten. Ich jedenfalls los, ging auch ganz gut. Im Gepäck so viele Kalorien, dass ich damit das Welthunger-Problem hätte lösen können. Das sollte reichen. Auf der ersten Runde hab ich dann mal meine Wattwerte mit dem Speed verglichen. 20 Watt unter meinem anvisierten Tempo aber trotzdem 35km/h im Schnitt. Das kam mir irgendwie spanisch vor, zumal ich bei der morgendlichen Kalibrierung des Wattmessers einen sehr ungewöhnlichen Kalibrierungswert angezeigt bekommen hatte (“-17” auf meinem Edge 810 mit einem Power2Max). Aber scheiß auf die absoluten Werte. Speed ist am Ende relevant und die Wattwerte dienen mir eh nur als Referenz. Außerdem war diese komische Kalibrierung eine super Erklärung, warum ich just 20 Watt weniger trete. Ausreden Erklärungen sind immer spitze, ich weiterhin gut gelaunt am treten…

Vier Runden galt es zu fahren und als ich meine erste Runde mit einem 36’er Schnitt fertig hatte, wurden Zweifel in mir laut, ob ich das wohl noch 3 weitere Runde durchhalte. Aber halt! Alter Schwede, das ist ganz schön schnell. Ich hatte nix zu verlieren, mir ging’s gut, also fuhr ich weiter und überholte munter einen Kontrahenten nach dem anderen. Das ist allerdings auch sehr einfach, weil ich mir beim Schwimmen ja immer viel Zeit lasse. Psychologisch jedenfalls ein Vorteil für mich.

Bis zur zweiten Runde hatte mich keiner überholt, glaube ich. In der dritten Runde kamen dann allerdings die Teilnehmer des dritten Starts über die Mitteldistanz. An Position 3 oder 4 dieses Starts düste Vereinskollege Hendrik locker fröhlich an mir vorbei. Hendrik ist ein super Schwimmer, ein super Radfahrer und dann auch noch ein super Läufer. Ziemlich gute Voraussetzungen für einen Triathleten. Es reichte für ein kurzes “Hallo”. Dranbleiben war für mich keine Option und nach ein paar Kurven war Hendrik außer Sicht. Irgendwie vermutete ich immer einen Bielefelder, den ich am Tag zuvor zufällig kennengelernt hatte und der mich auf meiner Schwimmbahn gefühlt 13 Mal überrundet hatte. Er wäre allerdings ein schlechter Radfahrer, sagte er noch am Samstag. Im Ziel haben wir uns dann getroffen. Ein sehr guter Tiefstapler ist er allemal. 🙂 Schöne Grüße an dieser Stelle!

In der vierten Runde konnte ich mein Tempo noch etwas steigern und sah plötzlich meinen Wechselzonen-Nachbarn “Schumi” vor mir. Schumi hatte mich neulich bei einer RTF noch förmlich stehen gelassen, so dass da offensichtlich irgendwas nicht in Ordnung war. Der ist allerdings auch so drauf, dass er sich eine Mitteldistanz – nebenbei – voll aus dem Training reinzieht. Alle Achtung! Ein kurzer Schnack mit Schumi und weiter ging’s mit guter Laune auf die letzten Kilometer.

Das war auch ganz gut so, weil mein Einteiler inzwischen über und über mit weißen Schweißrändern gesprenkelt war. Bis dahin hatte ich die Temperatur gar nicht so störend wahrgenommen. Allein der Wind war nervig, sorgte aber dennoch für eine regelmäßige Kühlung. Vor mir eine “Windschatten-Truppe” die ganz schön Schwierigkeiten hatte nicht von der Straße geweht zu werden. Aha, die Fraktion “Carbon statt Kondition” ist also auch am Start. Die schlagen mal gerne mit Scheibe im Hinterrad auf. Wenn man mit 25 Sachen über den Asphalt schiebt, ist eine Scheibe vor allem als Statussymbol in Wohnzimmer und Wechselzone sinnvoll zu gebrauchen. Man braucht also  das entsprechende Leistungsniveau, damit es nicht peinlich ist. Wenn man dann auch beinahe in den Graben fährt, degradiert man sein 2.000 EUR Scheibenrad endgültig auf seine Funktion des Statussymbols. Ist aber trotzdem “leider geil”.

Die Zuschauersituation auf der Radstrecke in Harsewinkel ist echt “überschaubar”. Wenn Du da aus Versehen auf dem Acker landest, kann es Wochen dauern, bis dich ein Mähdrescherfahrer findet. Auf der Strecke bist du praktisch alleine. Eine tolle Gelegenheit an mentaler Härte zu arbeiten. Reine Meditation, sehr entspannend. Total happy mit meinem Ergebnis ging es dann auf die Laufrunde.

Laufen an der Kotzgrenze

Die erste Runde war noch super. Bis 7km konnte ich mein angepeiltes Tempo von 4:40-4:50m/km gut laufen. Bei jeder Verpflegung hab ich mir brav Wasser in den Kopf geschüttet, mich mit Schwämmen nass gemacht, damit ich etwas Kühlung bekam. Es waren inzwischen 30°C und ich merkte, dass es mir immer schwerer fiel das Tempo zu halten. Hier waren dann auch mal ein paar Zuschauer. Natürlich hier, wo das große Sterben zu sehen ist. Würde ich genauso machen.

Kurz nach einem Wasserbecher wurde mir so schlecht, dass ich mich nach einer möglichen Kotzstelle umgesehen hab. Kotzerei hatte ich bis dato noch gar nicht im Wettkampf, dachte ich mir so. Meine Erfahrungen mit außergewöhnlichen Darmaktivitäten sind ja hinlänglich bekannt. Ein Dixi-Klo zu besuchen um den letzten Kick Würgereiz zu bekommen, war zwischendrin eine Option. Bis zum Äußersten ist es denn aber nicht gekommen.

Zwischenzeitlich standen Kilometerzeiten von 6 Minuten auf meiner Uhr, weil ich auch mal eine Gehpause einlegen musste. Caro sah mir schon an, dass ich total im Arsch war und rief mir mit sorgenvollem Blick ein “Super, weiter so! Du siehst super aus” total glaubwürdig zu. Das munterte mich aber trotzdem auf und sie reichte mir eine Trinkflasche an. “Wasser?” bekam ich noch raus und griff dankbar zu. nahm regelkonform diese externe Hilfestellung natürlich nicht an. Dann ein Typ vor mir, der sich wohl von mir veräppelt gefühlt hat: Erst überhole ich ihn, dann mache ich an einer Verpflegung ein kleines Päuschen, er überholt mich. Ich laufe weiter, überhole ihn, mache wieder eine kleine Pause, er überholt mich, ich laufe weiter, überhole ihn. Keine Ahnung, wie oft wir das Spielchen gemacht haben. Auch hier schöne Grüße!

Am Ende der dritten Runde überholte mich der spätere Gewinner der Mitteldistanz, Till Schramm. Den hörte ich schon weit hinter mir. “öööhhhh, ahhhh, hhhmmm, mmmmhhhh, aahhhhrrrrr” und ähnliche Laute kamen da bedrohlich schnell auf mich zu. Als Till an mir an mir vorbeiflog war ich wirklich beeindruckt. Der Typ kann sich quälen, alter Schwede!

Meine Übelkeit hatte ich inzwischen unter Kontrolle gebracht und konnte mir auch ab und an mal wieder einen Schluck Wasser genehmigen. Die Hitze war allerdings schwer zu ertragen. Das konnte ich allerdings nicht ändern. Sich über die Laufstrecke ärgern lohnte auch nicht. Obwohl: Leute, die ist echt scheiße nicht so optimal! Auf der letzten Runde, bekam ich dann noch einen mentalen Arschtritt. “Ey, Eike, das sind jetzt nur noch 5 Kilometer! Das ist gar nix! Die reitest Du auf einer Arschbacke ab. Jetzt reiß dich mal zusammen! Los!”.

Es ist schon interessant, welche Selbstgespräche man führt. Jeder Ausdauersportler kennt das. Der Trick ist positiv zu bleiben. Ich bleibe optimistisch und übe mich in Gleichgültigkeit über das Endergebnis. Spreche mit mir selbst in der zweiten Person und wechsle zwischen “Gut zureden” und “in den Arsch treten”. Till war mir in der Kategorie “in den Arsch treten” ein gutes Vorbild. Für die letzte Runde nahm ich mir “jetzt noch was rausquetschen” vor. Komplett an mein Limit wollte ich dennoch nicht gehen, schließlich steht in 4 Wochen der eigentlich Wettkampf an. Außerdem wollte ich den Zielbereich nicht vollkotzen. Plötzlich waren es nur noch 3 km, dann 2 und irgendwann nur noch ein Kilometer…. und dann war der ganze Spuck auch schon wieder vorbei. 4:36h können wie im Flug vergehen und am Ende konnte keiner von uns die Frage beantworten, warum wir uns das hier überhaupt antun aber jeder hatte dabei ein Grinsen im Gesicht.

Fazit:

Im Vergleich zur Mitteldistanz in Zell am See bin ich 1:15h schneller gewesen. In Zell hatte die Radstrecke allerdings auch 1.000 Höhenmeter, war 10 km länger und die Laufrund war ebenfalls 1km länger. Damals in Zell war ich im Ziel “Das Leiden Christi”. In Harsewinkel war ich recht schnell wieder unter den Lebenden. Kein Muskelkater und auch keine anderen Beschwerden in den Tagen danach. Das ganze Training zeigt also Wirkung. Für den Ironman war dieser Wettkampf für mich total lehrreich:

  • Ich hab jetzt keinen Bammel mehr vor’m Schwimmen. Die restlichen 1.800m hätte ich auch noch schwimmen können. Mit Neo erst recht… Irgendwie…
  • Die Aero-Position halte ich über die Hälfte der Distanz schon schadlos durch. Etwas weniger Druck auf’s Pedal und dann klappt das auch über 180km. Irgendwie…
  • Laufen ist meine komfortabelste Disziplin aber inzwischen auch gleichzeitig die mit der größten Varianz. Zwischen 3:30h und 6:30h über den Marathon traue ich mir alles zu. Also: Locker angehen lassen und dann mal gucken, wie es sich entwickelt. Irgendwie…
  • Mein Verpflegungstest war noch nicht ganz erfolgreich. Zumindest weiß ich nicht genau, warum mir schlecht wurde. Hitze, Verpflegung, Überlastung? Keine Ahnung!
  • Ich hab nicht an Sonnencreme gedacht und jetzt einen amtlichen Sonnenbrand. #AnfängerFehler
  • Wenn es in Frankfurt am 3.7. auch 30°C werden, dann gnade uns der Triathlon-Gott.

Die Lokalsportredaktion des Westfalen-Blatts leistet übrigens auch überragendes! Ganz hervorragende Arbeit!!!! Standesgemäßes Finisher-Foto im amtlichen Format. Mit Platz 39 in die Zeitung zu kommen, dürfte mir wohl auch zum letzten Mal passiert sein. 😉 Die Zeitungsseite hebe ich jedenfalls für meine Enkel auf. “Opa is nen harter Hund, der hat früher mal Ironman gemacht”. Danke für das tolle Foto, Herr Nieländer!FullSizeRender

Für die Spanner unter Euch, hier die Datei:

 

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