Laktatschwelle

Weniger posten, mehr trainieren!

Training ohne Uhr – am Ground Zero sozialer Bestätigung

Eines morgens stehe ich in der Umkleide und finde meine Uhr nicht. Ok, nochmal von vorne, alle Seitentaschen durchgehen. Muss wohl im Auto liegen… nochmal anziehen und das Teil aus dem Auto holen? Lohnt nicht. Ohne Uhr schwimmen? Sport treiben ohne es aufzuzeichnen? Ohne automatischen Upload zu Garmin, Strava und Trainingpeaks?

When it’s not logged, it didn’t happen.

Das ist schon krank. Es ist mitunter ein einziges Gebrumme und Gepiepse. Beim Volkslauf um die Ecke geht ein kleines Konzert ab, wenn man die Kilometermarkierungen passiert. Das Wattmessgerät ist dann noch die Spitze dieser Obsession.

Mir haben Leute gestanden, ein Training wegen der fehlenden Uhr nicht gestartet zu haben. Wir loggen uns mitunter einen Wolf. Diese Dinger von Garmin haben vermutlich die dreifache Rechenpower der Apollo 11 Mission. (Klick und kauf hier, dann bekomm ich eine dicke Provision!) Die Auswertungsmöglichkeiten im Privaten sind dabei vermutlich gar nicht der Antrieb. Vielmehr spielen eben die virtuellen Schulterklopfer bei Facebook, Strava, Garmin und Co. eine Rolle. Das kann ich sogar verstehen. Wir radeln, schwimmen und laufen die ganze Zeit alleine durch die Gegend. Da kann ein anerkennender “Kudo” bei Strava schon Balsam für die geschundene Ausdauerseele sein.

“Kern aller Motivation ist es, zwischenmenschliche Zuwendung, Wertschätzung und erst recht Liebe zu finden und zu geben. Was wir im Alltag tun, wird meist direkt oder indirekt dadurch bestimmt, dass wir sozialen Kontakt gewinnen oder erhalten wollen.”

Joachim Bauer, Prinzip Menschlichkeit – Warum wir von Natur aus kooperieren

Was der gute Joachim damit vereinfacht sagt: Ohne Facebook-Like bist du am emotionalen Ground Zero deines Trainings. Wir als Sportler müssen aber akzeptieren, dass es unserem Umfeld egal ist in welcher Pace wir durch den Wald stolpern. Du kommst abends von einem dunklen, kalten, nassen Lauf nach Hause und da steht einfach kein Empfangs-Komitee, was deine heroische Leistung total abfeiert. Der Like auf Facebook kann dem ein oder anderen da wohl Linderung verschaffen. Ich nehme mich da nicht aus. Wenn ich irgendwo einen Wettkampf hatte, posaune ich das ja auch durch die Gegend. <Anfang Selbstmitleid>Muss ich in diesem Inter-Webs-Dings machen, weil es sonst einfach keinen mehr so recht interessiert.<Ende Selbstmitleid> :-). (Bitte Kommentarfunktion nutzen, um Aufmunterungen zu platzieren!)

Fitness-Tracker-Perverse

Die Leute fangen ja sogar an, extra Armbänder zu tragen um ihre Schritte zu zählen! Die moderne Form der Selbstkasteiung. Fitnesstracker statt Bußegurt. Ich meine, da werden Schritte gezählt! Was soll das? Da sitzt man abends auf dem Sofa, merkt, dass man im Ranking ganz hinten steht, weil einem noch 500 Schritte fehlen. Also ab in die Adiletten und eine Runde um den Block oder wie soll ich mir das vorstellen? Danach noch schnell bei Facebook posten, dass man an einem Donnerstagabend einen neuen Schritte-Rekord aufgestellt hat. Ok, ok, ok… ich benutze eine App um meinen Schlaf zu analysieren. Kann man auch komisch finden.

Das Schwimmtraining an diesem einen Morgen habe ich tatsächlich ohne Uhr gemacht. Ich wusste nicht wie schnell, besser gesagt, langsam ich war. Also konnte ich es mir aussuchen und hab mich für “so schlecht, war ich heute gar nicht” entschieden. Am Ende bin ich aus dem Becken, hatte keinen Stress mit Bluetooth- oder W-Lan-Uploads, war aber gut drauf, weil ich 3.500m im Sack hatte. Das werde ich demnächst öfter machen, auch wenn mir dann ein paar Kudos durch die Lappen gehen. 🙂 Wir sehen uns bei Strava, Leute! 😉

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